Ungewohntes aus der Liturgie von Weihnachten

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Entgegen unserer heutigen Gewohnheit und Erwartung rücken die Texte der gregorianischen Gesänge in den drei Weihnachtsmessen (in der Nacht, am Morgen und am Tag) nicht so sehr das neugeborene Kind von Betlehem in den Mittelpunkt, sondern das Aufscheinen der Herrschaft Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Mit Versen aus dem Psalmen wird das Geheimnis der Menschwerdung in unterschiedlichen Aspekten beleuchtet und für uns gedeutet:

In der Mitternachtsmesse wird vor allem die Zeugung des ewigen Sohnes aus dem ewigen Vater meditiert:
„Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ (Psalm 2,7) und 
„Aus dem Schoße habe icb dich gezeugt vor dem Morgenstern.“ (Ps 110,3)

In der Messe am Morgen erklingt vielfach Psalm 93, in dem Christus im Gewand der Pracht sein Königtum machtvoll ausübt:
„Der Herr regiert, gekleidet in Pracht,
der Herr hat sich in Macht gekleidet und umgürtet.“
(Ps 93,1)

In all diesen Gesängen ist von dem Gott die Rede, den wir an Weihnachten als den „mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht“ in Betlehem geborenen Säugling feiern:
Am ehesten kommt der Gedanke der Geburt des Kindes aus der Jungfrau Maria im Eingangsgesang der dritten Weihnachtsmesse zum Ausdruck:
„Puer natus est nobis... - Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt...“

Aber auch hier wird sogleich dem Neugeborenen die Herrschaft auf die Schultern gelegt:
„Seine Herrschaft liegt auf seinen Schultern.“
(Jesaja 9,6)


Ein weiteres Bild der Herrschaft des menschgewordenen Gottes findet sich in zwei Offertorien, in Gesängen zur Gabenbereitung:

„Gott nämlich hat den Erdkreis gefestigt,
er wird nicht wanken:
Dein Thron ist bereitet,
seit jeher bis in Ewigkeit bist du.“
(Ps 93,1)
und
„Den Erdkreis und seine Fülle hast du gegründet.
Gerechtigkeit und Recht sind die Bereitung deines Thrones.“
(Ps 89,15)

Hier wird Christus als der Schöpfer des Himmels und der Erde besungen, der von Ewigkeit her ist und in Ewigkeit sein wird. Er, der als Mensch geboren wird, ist und bleibt zugleich der unsagbar Heilige und Herr des Universums. Ihm, der sich in unser menschliches Fleisch kleidet, ist ein Thron bereitet.


Damit verklanglicht die Liturgie ein Bild, das in der Kunst der Ikonen als „Hetoimasia“, als „Thronbereitung“ erscheint: ein Bild für den kommenden und zugleich gegenwärtigen Christus, der als Weltenrichter erwartet wird. Aber passt dieses Bild zu dem in Windeln gewickelten Kind in der Krippe? Warum stellt die Liturgie der Alten Kirche es an Weihnachten in die Gabenbereitung hinein?


Einen Schlüssel zum Verstehen kann uns ein anderer Gesang geben, der an den Festen der Jungfrauen erklingt. Dort ist es Christus, der uns zuruft:

„Komm, meine Erwählte, in dir will ich meinen Thron errichten!“

Mit diesem Ruf will Christus selbst uns in Besitz nehmen, um in uns zu wohnen. Er selbst bereitet sich einen Thron in den Herzen derer, die bereit sind, ihn aufzunehmen. Er tat es in Maria, die vielfach als „Thron des Logos“ und als „Sitz der Weisdeit“ dargestellt wird. Und er tut es in jedem und jeder von uns, wenn er sich in völliger Hingabe, im Offertorium seiner sebst, als Stück Brot in unsere Hände legt und in uns eingeht.


Im weihnachtlichen Sinnbild des bereiteten Thrones spüren wir die Gegenwart des Herrn selbst - wie sollten wir ihm nicht unser Herz ganz öffnen und ihm darin einen Ehrenplatz geben?


(nach einem Impuls von Sr. Ruth)