Osterlicht am Kreuz

Meditation zum Osterfest: Jesu Weg und unser Weg

Im Zugehen auf Ostern hat uns Schwestern im Konvent
Jesu Weg nach Jerusalem beschäftigt.
Die Kapitel 8,27-10,52 des Markusevangeliums begleiteten uns
als Fastenlektüre in den 40 Tagen, in denen wir mit Jesus auf Ostern zugingen. Aus der Betrachtung und dem Austausch über diese Etappe des Weges Jesu
entstand die folgende Meditation.

Der Abschnitt bei Markus begann mit der Frage Jesu: „Für wen haltet ihr mich?“
Nach allem, was die Jünger in Galiläa mit Jesus erlebt haben –
ihre Berufung und die Heilungen und Wunder
und seine machtvolle Verkündigung: „Das Reich Gottes ist euch nah!“ –
nach all dem ist dem Petrus und allen Jüngern ganz klar: „Du bist der Messias!“
Was könnten sie anderes sagen? Alles deutet doch darauf hin…
Dieses Bekenntnis: „Du bist der Messias!“,
ist mit Fug und Recht der Höhepunkt ihres Weges mit Jesus bis hierher.  

Doch an dieser Stelle geschieht im Evangelium ein Bruch.
Jesus verbietet ihnen nicht nur, darüber zu sprechen,
sondern beginnt im gleichen Moment,
ihnen etwas Ungeheuerliches mitzuteilen:
dass der Menschensohn leiden wird, ja dass er getötet wird –
und dass er auferstehen wird.
Dreimal wiederholt er diese Ankündigung in den folgenden Kapiteln –
immer wieder erklärt er also den Jüngern,
wohin sein Weg nun gehen wird:
in Leiden und Tod hinein – zur Auferstehung.
Und immer wieder verstehen die Jünger nichts, überhaupt nichts.
Das kann einfach nicht sein.
Jesus ist doch der Messias – wie soll der leiden und sterben müssen?
Mit ihm kommt doch die Rettung für Israel;
mit ihm schafft Gott jetzt endlich Erlösung!
Die Zeichen dafür haben sie doch schon erlebt mit ihm!
Nein, das kann nicht sein, dass Jesus leiden und sterben soll!
Das wäre ein Bruch, den es einfach nicht geben darf.
Petrus muss Jesus das klarmachen,
er will ihn davon abbringen, und es gibt einen handfesten Streit zwischen den beiden. Später heißt es von den Jüngern:
„Sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht –
aber sie scheuten sich auch, ihn zu fragen“ (Mk 9,32).
Stattdessen verhandeln sie untereinander, wer der Größte ist
und wer im Reich Gottes die besten Plätze bekommen wird (Mk 9,34; 10,37) – ungebrochen sind ihre Vorstellungen vom Triumph der Botschaft Jesu.
Was Jesus da immer wieder ankündigt, sein Leiden, Sterben und Auferstehen,
macht den Jüngern nur Angst (vgl. Mk 10,32).
Selbst das schon österliche Licht der Verklärung (Mk 9) – klärt für sie nichts:
Sie können nur darüber rätseln, was das sei, „von den Toten auferstehen“.

Doch ob sie wollen oder nicht, ob sie verstehen oder nicht:
Der Weg Jesu führt genau in das hinein, was er ihnen angekündigt hat:
in Leiden, Sterben und Auferstehen.

Und das feiern wir im „Triduum Paschale“, am Osterfest.
 Wir feiern eben das, was die Jünger in scharfe Abwehr
und zum größten Unverstehen geführt hat:
dass der Menschensohn vieles erleiden muss, dass er verworfen und getötet wird, und dass er aufersteht.
Dabei haben wir natürlich den Vorteil einer langen Glaubenstradition,
die das Oster-Geschehen schon vom Ende her sieht.
Aber verstehen wir dadurch wirklich mehr als die Jünger?

Sobald wir in unser eigenes, konkretes Leben hineinschauen,
stehen wir genau wie sie vor etwas ganz und gar Unverständlichem,
wenn wir von Leid und Tod getroffen werden.
Vielleicht haben wir uns in unserem Glaubensleben an den Gedanken gewöhnt,
dass die Erlösung durch das Kreuz Jesu gekommen ist.
Aber was unser eigenes Leben und diese konkrete Welt betrifft,
bleibt auch uns dieser Weg Gottes fremd und unverständlich –
genauso wie den Jüngern.

Wir können das Leid und den Tod nicht verstehen.
Wir wehren uns dagegen, wir bekämpfen es und suchen es zu verhindern –
und das ist gut und richtig so.
Leben zu retten, Leiden zu mildern, um das Gelingen des Lebens zu kämpfen,
all das tun wir ja gerade im Namen der Gottes- und Nächstenliebe.
Aber es gibt eben auch die vielen Situationen, wo wir an Grenzen stoßen,
wo wir hart unsere Ohnmacht erfahren und
nicht helfen können, nichts ändern können, nichts tun und nichts mehr bekämpfen können. Und das ist schwer zu verstehen.

Jeder von und erfährt sein eigenes Leid, auf sehr persönliche Weise:
all die großen und kleinen Unverstehbarkeiten,
an denen wir leiden und mit denen wir leben müssen.
Eine gescheiterte Beziehung – eine unheilbare Krankheit –
ein zerbrochener Lebensentwurf – der Verlust eines geliebten Menschen –
die Enttäuschung einer verletzten Treue – eine chronische Behinderung –
eine ungewisse Zukunft – eine zurückgewiesene Liebe –
ein tragischer Unfall – die nachlassenden Kräfte im Alter –
vielleicht auch das Leiden an unserer Welt
und an unserer Kirche und am Schwinden des Glaubens, aus dem wir leben…

Jeder von und erfährt sein Leid – und die ohnmächtigen Fragen:
Wo ist jetzt Gott? Wie steht er dazu? Warum lässt er das zu? Warum tut er nichts? Warum gerade ich? Das darf einfach nicht sein…  
Es geht uns letztlich genau wie den Jüngern:
Wo das Leid uns trifft, da verstehen wir nichts.
Das Leid ist immer wieder ein Bruch mit allem, was wir von Gott erwarten,
erhoffen, ersehnen und glauben.

Und genau wie die Jünger bringen wir diesen Bruch und unser Unverstehen mit in die österlichen Tage.
Und wie sie sind wir eingeladen, uns mit unserem ganzen Unverstehen
diesem Jesus auf seinem so unverstehbaren Weg anzuvertrauen.

Denn auch für Jesus zerbricht etwas in diesen Tagen: er selbst. Sein Leben.
Das erspart er sich nicht – und den Jüngern auch nicht.
Da hinein nimmt er uns mit – um uns auch mitzunehmen in das Licht der Auferstehung – auch die hat er den Jüngern angekündigt.

In den liturgischen Feiern dieser Tage erleben wir immer wieder beides:
Die Erfahrung des Leids – und die Verheißung des neuen Lebens.
Das gebrochene Brot beim letzten Abendmahl –
im Zerbrechen und Teilen verschenkt Jesus sein Leben an alle.
Der gekelterte Wein – das vergossene Blut stiftet den Bund
für alle, die aus diesem Kelch trinken.

Am Kreuz von Golgotha – ein zerschlagener, zerbrochener Leib,
der gerade so alle an sich zieht.

Am Karsamstag das Schweigen über dem Grab –
sprachloses Warten, das doch schon Spuren der Hoffnung ahnt.

In der Osternacht schließlich brechen wir auf – in das ganze Geheimnis von Ostern. Wir erleben wir eine Fülle von Zeichen, leise und sehr behutsam:
eine Flamme im Dunkeln, die sich ausbreitet.
Ein Weg durch die Nacht – wie durchs rote Meer.
Die Lesungen, die alles Zerbrochene einsammeln,
von der Schöpfung, von allem Anfang an,
die alle Erinnerung einsammeln an Gottes Kraft im Untergang,
die sein Volk so oft erfahren hat.
Eine wieder erwachende Orgel.
Ein verhaltenes, ganz vorsichtiges erstes Halleluja.  
Das Evangelium vom leeren Grab – das die Frauen ängstigt und noch kaum zu verstehen ist.
Doch ganz allmählich wird die Dunkelheit dem wachsenden Morgen weichen.

Dann werden wir gefragt, ob wir unsere Taufe erneuern:
Also ob wir bereit sind, uns mitnehmen zu lassen vom Menschensohn Jesus,
ob wir uns einlassen wollen auf diesen Weg Gottes,
auf dem uns alles zerbrechen kann –
damit der Gekreuzigte uns mitnimmt
in das neue, ganz andere Leben der Auferstehung, das wir uns nie hätten träumen lassen.
Und wieder bricht er dann das Brot und teilt den Wein mit uns –
angekommen im Leben Gottes.

Und die Fragen, die wir mitgebracht haben?
Das Leiden, das Unverstehen, die bohrende Frage: „Warum?“
Sie werden noch da sein.
Aber sie können kein Grab mehr verschließen,
sie stehen nicht mehr für den Tod.
Sie bergen in sich ein Geheimnis:
Im Innern allen Leids leuchtet Osterlicht.