Pfingsten

Österliche Gemeinschaft


Betrachtung zum Pfingstbild des Salzburger Perikopenbuches
(mit Gedanken von Klaus Hemmerle)


I. Er trat in die Mitte

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche,
als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten,
kam Jesus, trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19)
So berichtet der Evangelist Johannes
von der Begegnung mit dem Auferstandenen.
Acht Tage darauf heißt es genauso: „Da kam Jesus,
trat in ihre Mitte
und sagte: Friede sei mit euch!“ (Joh 20,26)
Dieselbe Wendung finden wir noch einmal bei Lukas:
„Während sie noch darüber redeten,
trat er selbst in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36)
Dreimal wird betont: Er trat in die Mitte.
Es könnte ja auch nur heißen: Er kam herein zu ihnen –
aber die Evangelisten drücken es ganz bewusst anders aus:
Der Auferstandene tritt in die Mitte.

Auch unsere Pfingst-Darstellung sieht es so: 
Während im Text der Apostelgeschichte
die Geistsendung „vom Himmel her“ beginnt,
geht hier das Feuer von der Mitte aus.
Die Mitte ist der Ort des österlichen Herrn.

Klaus Hemmerle schreibt:
„`Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen´ (Mt 28,20) -
das ist nicht nur irgendein Schriftwort.
Es ist viel mehr die Grunderfahrung,
von der aus das ganze Neue Testament
und die Kirche allererst zu verstehen sind:
der österliche Herr in der Mitte derer, die an ihn glauben.“

Darum weiß auch die Benediktusregel, in deren Prolog es heißt:
„…noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch:
ecce adsum - seht, ich bin da.“ (Prol 18)


II. Zwischen
„Was ist denn zwischen denen?“, so fragen wir uns,
wenn zwei sich nicht mehr anschauen und offenbar zerstritten sind.
„Zwischen uns ist etwas gewachsen“, stellen wir mit Freude fest,
wenn wir uns näher gekommen sind, uns enger verbunden fühlen.
„Zwischen den Zeilen“ gibt sich oft das eigentlich Gemeinte zu verstehen.

„Zwischen uns geschieht die Welt“, schreibt Klaus Hemmerle.
Wir erleben sie dagegen oft vor allem als Ansammlung von Dingen und Menschen;
der Alltag ist erfüllt von Ereignissen, Terminen, Aufgaben…
„Aber ist das die Welt?
Welt – ist das nicht eher der Boden, der alles trägt,
die Luft, die alles verbindet, der Raum, in dem sich alles bewegt und begegnet?
Geht das Entscheidende nicht zwischen den Dingen und zwischen den Menschen vor?
Wie wir den Tag erleben, hängt doch ganz wesentlich davon ab,
was zwischen-durch und zwischen uns geschieht.
„Das heimliche Zwischen stimmt und bestimmt das Leben,
stimmt und bestimmt die Welt“, schreibt Bischof Hemmerle.
Das heimliche Zwischen –  stimmt und bestimmt auch unsere Gemeinschaft.

Der Auferstandene tritt in die Mitte – in unser „Zwischen“.


III. Worum sich alles dreht
Zwischen uns – geht es um etwas. Worum geht es uns?
Was ist die Achse, um die sich alles dreht?
Was ist die Achse, um die sich mein Leben dreht?
Das ist eine ernste Frage, die nicht leicht zu beantworten ist.
Oft genug verliert sich unser Leben in den alltäglichen Kleinigkeiten,
verliert es sich in der Gewohnheit und Routine unseres Alltags,
in den Anforderungen und Sorgen und im Kreisen um uns selbst -
dann dreht sich alles um uns – und nicht mehr um die Mitte.
Dann dreht sich jeder um sich selbst, wird sich selbst zur Mitte –
Wir geraten an den Rand, jeder für sich.
Ist die Mitte verloren, gerät das Ganze aus dem Blick,
und jeder ist allein mit sich.

Steht aber der Auferstandene in der Mitte,
dann geht es zwischen uns um das Ganze.
Denn er ist nicht nur meine, sondern auch deine Achse.
Es geht dir und mir um dieses Eine, um diesen Einen,
der größer ist als wir alle.
Benedikt sagt von den Mönchen: Christus ziehen sie überhaupt nichts vor,
und unter dem einen Herrn tragen wir alle die Last des gleichen Dienstes.
Diese Mitte, sagt Klaus Hemmerle,
„ist wie ein Ja, das alle bestätigt, sein lässt
und zugleich alle über sich hinaus öffnet,
Kontakt, Begegnung und Beziehung stiftet.
Von dieser Achse her leben wir,
können wir allererst uns selbst und einander verstehen
und den Mut zu uns und zueinander gewinnen.“

IV. Die Mitte geht zum Rand
Als Adam, der Mensch, sich selbst zur Mitte macht, verliert er seine Mitte in Gott.
Er gerät an den Rand, landet in Einsamkeit, Schuld und Tod.
In Jesus aber kommt die Mitte, kommt Gott selbst zum Rand.
Er geht den Verlorenen nach – bis an den Rand.
„Da er die Seinen liebte, liebte er sie bis zum Äußersten“ (Joh 13,1) –
da kommt die Mitte zum Rand.
Am Kreuz, in dieser äußersten Liebe,
werden die Verlorenen, wird der Rand ihm selbst zur Mitte:
Zwischen dem Vater und Jesus geht es um uns.
Für Gott dreht sich alles um uns – bis zum äußersten Rand des Todes.

Und Ostern bedeutet, so Bischof Hemmerle,
„dass die Mitte, die zum Rand kommt, am Rand nicht untergeht,
sondern den Rand mit sich beschenkt, zu sich heimholt.
Es gibt nun keinen Punkt am Rand mehr, der nicht von der Mitte erfüllt wäre.“
So ist es wahr: der Auferstandene tritt in die Mitte – von allem.
Und sagt: Friede sei mit euch!


V. Resurrexi – et adhuc tecum sum
„Was heißt das: Er in unserer Mitte?“, fragt Bischof Hemmerle.
„Dass er in unsere Mitte kam, ist das Geheimnis seiner Menschwerdung.
Dass er neu in unsere Mitte kam, ist das Geheimnis von Ostern.
Seit Ostern ist er anders da als zuvor.“
Er tritt in die Mitte, das heißt:  
„Jesus trifft ein beim Vater:
„Resurrexi et adhuc tecum sum –
ich bin auferstanden und nun bei dir“, so singen wir am Ostermorgen.
Jesus trifft ein bei uns:
„Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Mt 28)
Und Jesus trifft ein bei sich selbst:
„Seht meine Hände und Füße an: Ich bin es selbst!“ (Lk 24,39)
In Christus sind Gottes und unser Leben geeint,
„und der beim Vater lebt, lebt zugleich in unserer Mitte.

Dann aber ist an Ostern nicht nur etwas mit Jesus geschehen,
sondern auch etwas mit uns.
Wir haben zwischen uns den Einen, um den allein es uns gehen kann.
Wir stehen mit ihm in wechselseitiger Beziehung.
Er selbst ergreift zwischen uns die Initiative,  
er selbst ist die zwischen uns handelnde, bestimmende Mitte.“
Wer Gott sucht, kann ihn dort finden: zwischen uns.
Von da aus wird unser Leben, wird unsere Gemeinschaft
österlich.




Die Zitate stammen aus dem Buch „Der Himmel ist zwischen uns“ von Klaus Hemmerle