Chorfenster

Ich suchte ihn, den meine Seele liebt

Das „Hohelied Salomos" war in den Klöstern des Mittelalters das meist gelesene Buch der Bibel. Es ist eine Sammlung von Liebesliedern, die viel vom Menschen, nirgends aber von Gott sprechen. Die christliche Überlieferung sieht jedoch darin, ebenso wie vor ihr bereits die jüdische Tradition, ein Gleichnis für die Liebe zwischen Gott und seinem Volk und ein Bild für die lebendige Beziehung zwischen Gott und der Seele jedes Menschen. Die Mönche und Nonnen finden in diesen Liebesgedichten ihre Sehnsucht nach Gott zur Sprache gebracht, von der sie zutiefst durchdrungen sind.

Im Bild unseres Chorfensters sehen wir die junge Frau des Hohenliedes allein, doch in der Erwartung ihres Geliebten. Sie erhebt sich gerade vom Bett und schaut auf. Helles, goldenes Licht flutet durch das Fenster ein und bringt ihre Gestalt zum Leuchten. Sie hat das Gesicht ganz dem Licht zugewandt, nimmt es in sich auf, streckt sich ihm entgegen: „Horch, mein Geliebter klopft: Mach auf, meine Schwester und Freundin, meine Taube, du makellose!Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!" Der ersehnte Augenblick der Begegnung scheint gekommen zu sein: „Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke; da bebte mein Herz ihm entgegen. Ich stand auf, dem Geliebten zu öffnen - doch der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem. Er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht…" (vgl. Hld 5 und 2)

Gregor der Große kommentiert die wechselvolle Erfahrung derer, die Gott suchen, so: „Der Bräutigam verbirgt sich, wenn man ihn sucht, damit die Braut, da sie ihn nicht findet, ihn mit doppeltem Eifer sucht, … damit ihre Fähigkeit wachse, Gott in sich aufzunehmen, und damit sie eines Tages das, was sie sucht, im umso größerer Fülle finde."

„Gott, du mein Gott, dich suche ich,
meine Seele dürstet nach dir!" (Psalm 63,1)

Gott zu suchen im Wechsel von Suchen und Finden, von Nähe und Ferne, von Glück und Leid, von strahlender Helle und dunkler Nacht: In dieser Spannung leben wir – und beten wir.